Avrupa Türk Akademisyenler Birliði
European Association of Turkish Academics
Europäische Vereinigung Türkischer Akademiker


07.12.1999
Die Mehrheit der Muslime hat niemand gefragt
Islamunterricht: Kultusministerium in der Kritik

Islamunterricht an den Schulen in Baden-Württemberg? Die christlichen Kirchen, SPD und Grüne im Landtag sowie der Landeselternbeirat sind dafür. Skepsis herrscht hingegen bei vielen Türken. Das wurde bei einer Diskussionsrunde der Europäischen Vereinigung Türkischer Akademiker (EATA) in Stuttgart deutlich.

VON UTKU PAZARKAYA

Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, kritisierte, dass für das geplante Pilotprojekt islamistische Bruderschaften als Partner ausgewählt worden seien. „Die arbeiten seit Jahren am erfolgreichsten und hatten ihre Konzepte schon fertig in den Schubladen.'' Andere Gruppen würden dagegen von der Diskussion ausgeschlossen.

Vahap Aslan, ein Vertreter der alevitischen Moslems, befürchtet daher, dass den Kindern im Unterricht „dogmatische Ansichten'' vermittelt werden und sie sich dann nicht in die demokratische deutsche Gesellschaft integrieren könnten.

Derzeit leben in Deutschland über drei Millionen Muslime. Die Mehrheit ist türkischer Herkunft. Das gilt auch für die zirka 570000 muslimischen Schüler. Dem baden-württembergischen Kultusministerium zufolge leben im Land 500000 Muslime, davon sind 84000 Schüler.

Dem Ministerium liegen derzeit Anträge von drei islamischen Organisationen vor, die gern den islamischen Bekenntnisunterricht an den Schulen erteilen würden. Der Unterricht soll in deutscher Sprache stattfinden. In naher Zukunft soll eine Art Runder Tisch mit Vertretern der drei Vereine, den Kirchen und Wissenschaftlern eingerichtet werden.

„Die Gruppen, die gut genug organisiert sind, um solche Anträge zu stellen, gehören alle dem radikalen Islam an'', kritisiert Aslan. Sie sprächen höchstens für drei bis fünf Prozent der Muslime. Die Mehrheit sei nicht organisiert, denn im Gegensatz zum Christentum gebe es keine islamische Kirche.

Auch Cigdem Akkaya von Zentrum für Türkeistudien in Essen kritisiert das derzeitige Verfahren. "Nichts ist so falsch. Wer am besten organisiert ist, wird der Ansprechpartner." Das könne nicht sein. Entscheidend sei, was die Mehrheit der Muslime wolle, und die habe niemand bisher gefragt. "Weil die nicht organisiert sind", sagt die Wissenschaftlerin. Die Politik solle daher lieber neue Wege gehen, statt kirchliche Strukturen auf den Islam zu übertragen.

Die meisten Teilnehmer der EATA-Veranstaltung teilen diese Kritik. Sie hätten deshalb lieber Ethik oder Religionskunde statt eines islamischen Bekenntnisunterrichts.

Auch die Föderation der türkischen Elternbeiräte in Baden-Württemberg lehnt den Islamunterricht ab. Die türkischen Kinder würden damit in ein „religiöses Getto'' gesteckt, heißt es in einer Erklärung.

Die Mehrheit der türkischen Aleviten wolle ebenfalls keinen islamischen Bekenntnisunterricht an deutschen Schulen, sagt Aslan. "Wir sind aber vorbereitet, wenn es anders kommt." In den Schubladen seines Instituts lägen bereits fertige Lehrbücher für einen alevitischen Islamunterricht.

Auch in anderer Hinsicht hat man reagiert: Der Aufbau einer alevitischen Gemeinde mache Fortschritte. "Anders kann man seine Rechte nicht durchsetzten'', sagt Aslan. „Ohne eine Organisation nimmt einen keiner ernst."

www.eata.info/stuttgart/