Avrupa Türk Akademisyenler Birliði
European Association of Turkish Academics
Europäische Vereinigung Türkischer Akademiker


15.07.2000
Stuttgarter Börse führt bei türkischen Aktien

Stuttgart - Als Aktienhändler Salih Kacan im Mai nach dem Sieg von Galatasaray Istanbul im Uefa-Cup den Stuttgarter Börsensaal betrat, standen 20 Broker auf und riefen: „Türkiye, Türkiye“. „Richtig laut und auf Türkisch“, wundert sich der 28-Jährige immer noch. Aber nicht nur der Fußball auch die türkische Börse feiert Erfolge.

VON UTKU PAZARKAYA

Mit einem Zuwachs von 296 Prozent auf D-Mark-Basis entwickelte sich der Aktienmarkt-Index ISE-100 (Istanbul Stock-Exchange) 1999 weltweit am besten. Ausgelöst wurde der Boom durch die neu gewonnene politische Stabilität im Land und entschlossene Reformen der Regierung. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres privatisierte die Koalition unter Premier Ecevit mehr als die Regierungen der vergangenen 15 Jahre zusammen. Auch die chronisch hohe Inflationsrate sinkt seit einigen Monaten. Bisher verdienten sich Sparer mit Festgeldzinsen von 90 Prozent eine goldene Nase. Seit die Zinsen sinken - derzeit liegen sie bei etwa 34 Prozent -, wird die Aktie als Geldanlage attraktiver. Richtig Flügel bekamen die Fantasien der Börsianer im vergangenem Dezember, als dem Land am Bosporus der Status eines EU-Beitrittskandidaten verliehen wurde.

Deutsche Anleger profitierten allerdings kaum von den Traumrenditen, denn nur wenige Fonds hatten die Börse in Istanbul bisher im Blick - eine Marktlücke. Jungbörsianer Salih Kacan hatte daher die Idee, türkische Aktien an die Stuttgarter Börse zu holen. Kacan konnte den Vorstand der Euwax überzeugen, zehn türkische Werte in der Landeshauptstadt einzuführen. Im März folgten weitere 13 Werte. 95 Prozent des Handels mit türkischen Aktien an deutschen Börsen entfallen auf Stuttgart, schätzt Euwax-Vorstand Dieter Lendle.

Die Umsätze mit den 23 Werten sind niedrig. „Es ist noch viel Öffentlichkeitsarbeit notwendig“, räumt Lendle ein. Banken, Analysten und Fondsmanager müssten sich aktiv um den Markt Türkei kümmern. „Fortschritte, wie die größere wirtschaftliche und politische Stabilität müssen den Leuten vermittelt werden, sagt er. Nach seinen Schätzungen werden zwei Drittel der in Deutschland gehandelten türkischen Aktien von deutschen und ein Drittel von türkischen Kleinaktionären gekauft.

In diesem Jahr konnte die Istanbuler Börse allerdings die hohen Erwartungen noch nicht erfüllen. Der Index ist auf Talfahrt. In den ersten sechs Monaten fiel der ISE-100 von 15208 Punkten auf 14466 Punkte. Inflationsbereinigt entspricht das einem Rückgang von 17 Prozent. Ausgelöst wurde der Einbruch durch Gewinnmitnahmen. Dem Kursfeuerwerk 1999 folgten massive Verkäufe. Zusätzlich drückten Diskussionen um eine Leitzinserhöhung in den USA die Börse. In Ankara kam eine Koalitionskrise hinzu. „Istanbul ist eine stark politische Börse, was für Schwellenländer typisch ist“, erklärt Lendle. Nicht der Wert der Unternehmen bestimme oftmals die Kurse, sondern das politische Klima.

Dennoch bleibt Istanbul für Experten ein interessanter Börsenplatz. „Die fundamentalen Wirtschaftsdaten sind hervorragend“, sagt Murat Ünal vom „Türkei 75 Plus“-Fonds der Ceros Vermögensverwaltung. Die Fahrzeugproduktion sei im ersten Quartal um 49, Textil um 17, Büroausstattung und Computer um 156 und Kommunikationssysteme um 39 Prozent gestiegen. Ünal ist daher optimistisch. Er erwartet bereits im September einen „Durchbruch bei den Kursen“.

Auch die Analysten der Deutschen Bank schätzen die Lage im Land positiv ein. Ankaras Ziel müsse es allerdings sein, die Reformpolitik fortzusetzen und die Inflationsrate deutlich zu senken. Fondsmanager Ünal setzt derzeit auf Werte wie Vestel. „Das Unternehmen ist einer von drei strategischen Partnern von Microsoft und der zweitgrößte Hersteller von TV-Geräten in Europa“, erklärt er. Auch Merrill Lynch ist die Aktie eine Empfehlung wert.

Am Montag dieser Woche ging Mobilfunkbetreiber Turkcell an die Börse. Der mit 6,2 Millionen Kunden und einem Marktanteil von 68 Prozent führende Anbieter feierte noch eine weitere Premiere. Als erstes türkisches Unternehmen ist der Mobilfunkspezialist nun auch in New York an der Wall Street notiert. Begleitet wurde das Debüt von den renommierten Investmenthäusern Goldman Sachs und Morgen Stanley. Im nächsten Jahr folgt mit der Türk Telekom der elftgrößte Telekomanbieter der Welt an die Istanbuler Börse.

„Die Türken machen nicht nur Döner sondern richtig gute Unternehmen“, lautet das Fazit von Lendle. Bis Ende des Jahres will er die Zahl der Türkei-Titel in Stuttgart auf 35 bis 40 erhöhen. Für den erfahrenen Börsianer sind die sportlichen Erfolge, wie der Sieg von Galatasaray im Uefa-Cup und der Einzug der Nationalmannschaft ins Viertelfinale der Fußball-EM, Symbole für ein neues, positives Image der Türkei.

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