30.04.2007
Die Kinder haben das Kommando
Beim internationalen Fest 23 Nisan wird der Marktplatz zur Spielwiese

Es soll ein Fest für alle Nationen sein. Angelehnt an die türkische Tradition, den Tag des Kindes zu feiern, veranstalten der Akademikerclub EATA und die Stadt seit sieben Jahren 23 Nisan. Gestern kamen 25 000 Besucher auf den Marktplatz.

Von Frederike Poggel

So viele Knöpfe! Timo Hutzel reichen die Füße zwar nicht bis zum Boden der Straßenreinigungsmaschine, aber das stört ihn nicht beim Bedienen der Handschalter. Mit so einem runden Kehrbesen an beiden Seiten des Fahrzeugs, da lässt sich allerhand anstellen. Lange hält es Timo allerdings nicht auf dem Fahrersitz: "Da ist es stinkig", sagt der Fünfjährige und kehrt dem Stand der städtischen Müllentsorgung den Rücken zu.

Alternativen gibt es genug: Mal- und Bastelstände, Turmbau mit Holzklötzen, Verkehrsaufklärung, Rollenrutsche, Gewürzschnüffelstand und Vorlesepaten reihen sich auf dem Marktplatz und im Foyer des Rathauses aneinander. 45 Vereine und Einrichtungen, darunter Migrantenvereine aus 15 Nationen, haben sich an 23 Nisan beteiligt.

"Jedes Jahr wird das Fest größer", sagt Kerim Arpad, Vorsitzender des Vereins EATA. Im EATA haben sich türkische Studierende und Hochschulabsolventen mit dem Ziel zusammengetan, einen Imagewechsel der Türkei zu bewirken und die schönen Seiten ihrer Kultur zu vermitteln. Mit 9000 Besuchern haben die Veranstalter von 23 Nisan, der EATA und die Stadt Stuttgart, 2001 angefangen. Im vergangenen Jahr waren es 20 000 Besucher, heuer nochmals deutlich mehr. "Unser Platz ist beschränkt. Deswegen mussten wir sogar einige Vereine ablehnen, die mit einem eigenen Bühnenprogramm auftreten wollten", sagt Arpad.

In Berlin wird 23 Nisan, was übersetzt 23. April bedeutet, schon seit Mitte der neunziger Jahre als großes Familienfest gefeiert. Es geht zurück auf den Tag des Kindes, der einst von dem Republikgründer Atatürk als staatlicher Feiertag in der Türkei eingeführt wurde. "In Stuttgart leben 170 Nationen. Wir dachten, es müsste doch möglich sein, vor dem Hintergrund von 23 Nisan ein Fest für alle diese Kinder zu veranstalten", sagt Arpad. Heute sind die Hälfte der Besucher deutsche Familien, so schätzt er. "Etwa 20 Prozent sind türkische Besucher, 30 Prozent stammen aus anderen Nationen." "Wir kommen jedes Jahr her. Ich finde das Fest sehr schön, weil es von allem etwas gibt", sagt Petra Hutzel, deren Sohn Timo sie zum nächsten Spielstand zieht. Dass kein Motto ausgegeben wurde, ist ein Prinzip des Kindertags: Jeder Verein und jede Einrichtung sollen beisteuern, was sie möchten und können.

So lässt sich die kleine Clara Leue aus Sindelfingen auf einem Polizeimotorrad fotografieren, während das Gesundheitsamt im Rathausfoyer über den Fett- und Zuckergehalt in Lebensmitteln aufklärt. "Aber nur zur Information, nicht zur Abschreckung", sagt die Ernährungsberaterin Birgit Zeh. Gegenüber laufen nackte Füße auf dem Sinnespfad über Zapfen, Splitt und Baumrinde, während die Schlange vor den Müllfahrzeugen draußen nicht kürzer wird. Die vielen Knöpfe und Schalter haben es nicht nur Timo angetan, sondern müssen von vielen Kinderhänden jedes Mal aufs Neue getestet werden.


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