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EATA Baden-Württemberg
Presseerklärung, 11.01.2007
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| Stellungnahme von EATA
Baden-Württemberg zur Abschaffung des muttersprachlichen Zusatzunterrichtes
in Rastatt
Bessere Förderung der Mehrsprachigkeit von Einwandererkindern führt zum Erfolg! Mit Befremden haben wir von dem Beschluss der Stadt Rastatt Kenntnis genommen, die baden-württembergische Landesregierung zu ersuchen, die Verwaltungsvorschrift über den „Unterricht für ausländische Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Baden-Württemberg“ vom 24. November 2000 zu streichen, und bis zu einer entsprechenden Änderung der Vorschrift keine Schulräume mehr für den muttersprachlichen Unterricht zur Verfügung zu stellen. Wir widersprechen ausdrücklich der Meinung des Rastatter Gemeinderates, dass der muttersprachliche Zusatzunterricht „kontraproduktiv zu den Integrationsbemühungen“ sei, ja sogar das Entstehen von Parallelgesellschaften fördere. Gute Deutschkenntnisse sind eine Grundvoraussetzung für den Schulerfolg und für eine gemeinsame Verständigung in der Schule. Deswegen ist es wichtig, dass bereits in Kindertagesstätten und in Schulen gezielte Sprachfördermaßnahmen angeboten werden. Es ist mittlerweile aber auch aus wissenschaftlicher Sicht nachgewiesen, dass die Förderung der Erstsprache („Muttersprache“, „Familiensprache“) eine wichtige Rolle beim Erwerb des Deutschen als Zweitsprache spielt. Die Abschaffung des muttersprachlichen Zusatzunterrichtes trägt nicht dazu bei, die akute Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern in unserem Schulsystem abzubauen. Das Verbot vermittelt den Migrantenkindern und deren Eltern aber den Eindruck, dass ihre Herkunftssprachen nicht erwünscht und für eine gelungene Integration schädlich seien. Wissenschaftler aus dem PISA-Siegerland Kanada kamen zu dem Schluss, dass die Muttersprache bei Migrantenkindern die zentrale Funktion in deren persönlicher und erzieherischer Entwicklung hat. Die Forschung auf diesem Gebiet (vor allem des Sprachwissenschaftlers Jim Cummins an der Universität von Toronto) hat ergeben: 1) Zweisprachigkeit wirkt sich positiv auf die sprachliche und persönliche Entwicklung von Kindern aus. Wenn Kinder ihre sprachlichen Fähigkeiten in zwei oder mehr Sprachen in ihrer Grundschulzeit weiter entwickeln können, fördert dies ein tieferes Verständnis von Sprache und ihrer Anwendung. Diese Kinder haben mehr Übung im Verarbeiten von Sprache, besonders wenn sie beide Sprachen auch lesen und schreiben können. 2) Der Entwicklungsstand
der Erstsprache (Muttersprache) ist von entscheidender Bedeutung für die
Entwicklung einer weiteren Sprache. Kinder mit einer gut ausgeprägten
Muttersprache entwickeln bessere Fertigkeiten im Umgang mit der Schulsprache.
Wenn das schulische Umfeld Kindern erlaubt, auf beide Sprachen zurückzugreifen,
profitiert davon die Sprachfertigkeit in beiden Sprachen.
4) Wird die eigene Muttersprache in der Schule sogar unterrichtet, so hat das einen positiven Einfluss auf die schulische Entwicklung. Das Foyer-Programm in Belgien, im Rahmen dessen das Sprechen und Schreiben dreier Sprachen gefördert wird (die eigene Muttersprache, Niederländisch und Französisch), zeigt ganz deutlich die Vorzüge des bi- und trilingualen Unterrichts. 5) Die Ablehnung der Muttersprache eines Kindes ist letztendlich auch die Ablehnung des Kindes selbst. Wenn Kindern signalisiert wird – ob explizit oder implizit -, dass sie ihre Sprache und ihre Kultur „an der Schultüre zurücklassen sollen“, dann lassen Kinder dort auch einen wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit, nämlich ihre Identität, zurück. Erfahren Kinder diese Art der Ablehnung, wirkt sich das auch auf ihre aktive und selbstbewusste Teilnahme am Unterricht aus. Es reicht eben nicht, die sprachlichen und kulturellen Unterschiede der Kinder nur passiv anzunehmen. Die jungen Menschen, die derzeit in Deutschland heranwachsen, die sich kompetent in ihrer Herkunftssprache und -kultur sowie in der deutschen Sprache und Kultur bewegen können, sind ein viel zu wenig beachteter Reichtum dieses Landes. Statt Sprachen in der Schule zu verbieten, sollten endlich Maßnahmen umgesetzt werden, die mehr junge Menschen befähigen, an dieser positiven Entwicklung ihrer Potentiale teilzunehmen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das kulturelle, sprachliche und intellektuelle Kapital unserer Gesellschaft sich wesentlich erhöhen wird, wenn wir aufhören, kulturelle und sprachliche Unterschiede als ein Problem, das es zu lösen gilt, zu betrachten, und stattdessen offen sind für sprachliche, kulturelle und intellektuelle Ressourcen, die in unsere Schulen und unsere Gesellschaft eingebracht werden und sie systematisch entwickeln. So gesehen missachtet die Rastatter Ratsentscheidung wissenschaftliche Forschungen und Empfehlungen zur Bilingualität und verhindert, dass wir den Mehrwert der Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität von Menschen für die Kompetenzerweiterung aller in der Bildungsarbeit nutzbar machen. EATA Baden-Württemberg setzt sich deshalb ausdrücklich gegen die Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts in Rastatt ein und fordert den Stadtrat auf, diesen Beschluss sowie die Verweigerung von Schulräumen für den muttersprachlichen Unterricht rückgängig zu machen. An die Landesregierung von Baden-Württemberg appellieren wir, dem Ersuchen der Stadt Rastatt nicht stattzugeben und sich stattdessen verstärkt für die Förderung der Erstsprache der Migrantenkinder an den Schulen einzusetzen. |