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18.11.2005
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| Bleistift als Waffe
Turhan Selçuk - der Vater der türkischen Karikatur Seine Waffen brauchen keine scharfe Munition. Ein Blatt weißes Papier, ein Bleistift, manchmal ein Pinsel oder ein Glasfläschchen mit schwarzer Tinte genügen Turhan Selçuk, um ins Mark zu treffen. Mit seinen Karikaturen kämpft er schon seit dem Jahr 1941 - damals erschien seine erste in der Zeitung „Türksözü“ - gegen Missstände und Diktatoren und bricht eine Lanze für die Menschen mit ihren Problemen und Sorgen auf unverkennbare Art: Harte, oft radikal schwarz-weiß schablonierte Konturen bestimmen Selçuks Striche und Flächen, ein stilistischer Griff, mit dem er ausdrücken will, dass die Lebensbedingungen für die Menschen hart sind. Mitunter verhakeln sich seine reduziert, grafisch angelegten Linien gar wie Wollknäuel und wollen ähnlich einem orientalischen Kaffeesatz gelesen und gedeutet werden. Wer Selçuks Bilder verstehen will, darf nicht nur oberflächlich schauen, er muss genauer interpretieren. Denn der „Vater der modernen türkischen Karikatur“, wie er von vielen genannt wird, ist nicht für einen schnellen Lacher gut, eher für ein tiefgründiges, gleichwohl betroffenes Schmunzeln. „Selçuk bringt sein Publikum eher zum Nachdenken, manchmal sogar zum Weinen, aber nur selten zum Lachen“, beschreibt der türkische Journalist Mehmet Canbolat die Wirkung der Zeichnungen. Mit einer einzigen Geste, so Canbolat, etwa wie eine karikierte Figur die Jacke zuknöpfe, sei er im Stande auszudrücken, ob es sich hier um einen Machthaber, einen Kapitalisten oder ein Mitglied der Bourgeoisie handele. Ohne Zweifel, Selçuk bringt die Dinge auf den Punkt. Mit spitzem Griffel und wachem Geist weiß er die Auswirkungen von politischen Beschlüssen und Befindlichkeiten auf den einfachen Mann zu kommentieren. So lässt er etwa einen Bauern eine Rakete - mit atomarem Sprengkopf bestückt? - auf seinem Muligespann durch die Lande transportieren. Oder er offeriert den Lesern von Zeitungen wie „Cumhuriyet“, für die der 83-Jährige übrigens bis heute die Malwerkzeuge schwingt, ein Gehirn in einer mit Flüssigkeit gefüllten Schale, in dem ein Preisschild steckt. Der Text darunter ist tiefsinnig und trifft die Machthaber: „Gewaschenes Gehirn im Angebot.“ Dass Selçuks Denkorgan alles andere als angepasst ist, hat ihm nicht immer Ruhm beschert. Der Freigeist, der in dem kleinen Ort Milas im Südwesten der Türkei geboren wurde, war einer der Vorreiter der Gesellschaftskritik in seinem Land, was ihm massive Unterdrückung, Zensur und Haft einbrachte. Unterkriegen ließ er sich deshalb freilich nicht. Nachdem seine Karikaturen zunächst in kleinen Zeitungen in Adana und Istanbul abgedruckt wurden, ist Selçuk seit dem Jahr 1954 mit seiner Kunst in überregionalen Tageszeitungen präsent. Große Popularität erlangte er aber erst später. 1957 erschienen zum ersten Mal die Abenteuer seines Comicstreifenhelden „Abdülcanbaz“ in der türkischen Zeitung „Milliyet“. Bis heute hat Turhan Selçuk zahlreiche Ausstellungen rund um den Globus bestritten, seine Arbeiten finden sich in Museen der Vereinigten Staaten, Schweiz, in Kanada, Italien, Bulgarien, oder Polen. Nun sind einige Werke des Mannes, der fast gleich alt wie die türkische Republik ist, in Stuttgart zu sehen. most Theaterhaus, Siemensstraße
11, täglich 10 bis 23 Uhr
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