Thorsten Becker

Biographie
geboren 1958 in Oberlahnstein, wuchs in Köln auf, studierte Philosophie, Geschichte, Soziologie und Theaterwissenschaft. Polyglott, Weltenbummler, lebt manchmal in Berlin. Zu seinem vielfach, u. a. mit dem FAZ-Literaturpreis und dem Premio Grinzane Cavour, ausgezeichneten Werk zählen "Die Bürgschaft", "Tagebuch der Arabischen Reise, darin der Briefwechsel mit Goethe", "Mitte" und "Schönes Detschland".


Die Türken - Wie ich sie lieben lernte
von Thorsten Becker
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton, 22.06.2003

Mein Vorhaben war, per Fahrrad von Pankow nach Peking zu reisen, vielleicht nur aus Spaß an der Alliteration. Eines stand dabei von vorneherein fest: Türkischen Boden würden Reifen meines Bizykels unter keinen Umständen berühren. Ich haßte die Türken und war mir sicher, dies vor ihnen unmöglich verborgen halten zu können.

In Sofia wankte ich bereits. Vielleicht doch nicht mit dem Schiff über das Schwarze Meer, sondern an seinem Südstrand entlang? Im Rosental wurde mir die Entscheidung abgenommen von zwei maskierten Räubern, die mich mit ihrem Auto von der Piste fegten und mit dem Koffer, in dem sich meine Ausrüstung für die nächsten 10 000 Kilometer befand, entschwanden. Mein Schultergelenk war gebrochen. Ich gab auf.

Wieder in Berlin wurde ich bei meinem ersten Besuch im Verlag begrüßt mit den Worten: "Du hast eine Einladung zur Buchmesse nach Istanbul." Also doch. Kismet eben.

Ich fing an, Türkisch zu lernen. Mit jeder Vokabel, die ich mir aneignete, löste sich ein Glied aus dem Kettenhemd meiner antitürkischen Ressentiments, und als ich in Tegel die Maschine der Türk Hava Yollari bestieg, war davon so viel übrig, dass es zwar noch schepperte und mich beschwerte, mich aber nicht mehr schützte. Den Rest meines Hochmuts büßte ich bei den Diskussionen mit den Germanistik-Studenten in Izmir und Ankara ein. Hunderttausende Male war ich in Kreuzberg fühllos hindurchgegangen durch diese Menschen, jetzt sah ich zum ersten Mal die Doppelseele der in Deutschland geborenen Türken, die im Zuge des 1983er Abkommens mit ihren Eltern in ihre "Heimat zurück"-gekehrt waren. Wie albern erschien mir da plötzlich das deutsch-deutsche Identitätsgetue, mit dem auch der Roman, den ich mitgebracht hatte, angefüllt war! Meine erste Regung war Mitleid, die zweite war Neid. Wie sie da vor mir saßen, hatte eine jede und ein jeder in seiner Brust eine deutsche und eine türkische Seele. Welch Leidenspotential, welch künstlerisches Kapital!

Zu meiner Lesung an der Ege-Universität kam Ayla. Sie lebte inzwischen mit Ahmet, einem Archäologen, von dem sie schwanger war. Mit den beiden war ich abends bei Fisch und Raki im Griechenviertel von Izmir. Ayla übersetzte meine türkenfeindlichen Witze, mit denen ich schon bei den Studenten Erfolg gehabt hatte, die aber jetzt bei Ahmet noch stärkere Wirkung erzielten. Endlich bekam ich von ihm den deftigen deutsch- feindlichen, auf den ich aus war, zurück.

"Eine Teestube in Wedding. Verloren an einem Tisch ein abgemagerter Mann mit Augenringen hinter der Nickelbrille. Yusuf, ein beleibter Dönerkönig, erkennt ihn. ,Bist du nicht der Levent aus Erzurum?' Der Verzweifelte nickt. ,Was machst du in Berlin, und warum bist du so zerknirscht?' - ,Seit zehn Tagen suche ich Arbeit. Keiner nimmt mich.' - ,Aber Levent, du warst doch in Ankara auf der Technischen Hochschule.' - ,Ja. Hab auch das Diplom.' - ,Mensch, Levent, wir sind hier in Deutschland, im Land der Erfinder. Erfinde eine Maschine! Da wirst du reich.' Nach drei Wochen hat Levent die neuartige Maschine erfunden. Yusuf vermittelt ihm einen Termin bei einem der mächtigsten Kapitalisten mit Büro am Potsdamer Platz 1. ,Na, Mustafa', begrüßt er ihn herablassend freundlich. ,Du heißt doch Mustafa? Na, ihr heißt doch alle Mustafa. Haha. Jut! Denn leg doch mal los. Wat is det fürne Maschine?' Levent breitet seinen fein gezeichneten Plan auf dem Chefschreibtisch aus. ,Das Maschine, was ich erfinden, is Wurst-Maschine. Du bitte gucken. Hier diese Seite wird ganze Schwein reingesteckt. Hier andere Seit komm raus fertige Wurst!' - ,Supa, Mustafa! Hab nisch allet vastandn, kann mir det aba vorstelln. Mustafa, wat andret. Erfinde doch ma ne Maschine, wo hinten die Wurst rinjesteckt wird, und vorne kommt det Schwein raus.' - ,Effendim, das Maschine ich brauch nix erfinden. Das gibt schon: dein Mutter.'"

War's der Witz, war's der Fisch, war's der Raki, meine Gastgeber hatten mich überzeugt. Ich zerriß den Voucher für meinen Rückflug, blieb noch zwei Nächte bei Ayla und Ahmet, nahm dann einen Bus nach Bodrum. Dort hielt ich mich zwei Wochen lang auf und versuchte, meine Wandlung zu protokollieren. Eine Studentin, die ich an einer Raki-Tafel kennengelernt hatte, sollte mich zum Flughafen bringen. Wir kamen aber so spät, daß ich mein Gepäck nicht mehr einchecken konnte. Ich bat sie, aufzupassen auf meinen Koffer, und drückte sie zum Abschied fest in meine Arme.

Schon bei der ersten Rückkehr war es eine Offenbarung für mich, Berlin mit türkischen Augen zu sehen. Plötzlich überall Landsleute. Wie ergiebig als Pose der Kanakenstolz gegenüber dem monokulturellen Proletenstolz, mit dem ich zuvor kokettiert hatte! Welch sublime Satisfaktion, den Spieß, von dem man so oft genervt worden war, jetzt anpacken und damit den Halbzünglern, die nur Deutsch und kein Türkisch verstehen, unter der Nase herumfuchteln zu können.

Ich mußte diesen neuartigen Seelengrund unbedingt festigen und schnellstens wieder in die Türkei, schon um den zurückgelassenen Koffer und die zugehörige Frau abzuholen. Geheiratet wurde dann in Pankow im Rathaus, aber ich habe seither mehr Zeit in der Türkei als in Deutschland verbracht. Mein Sekundant und Trauzeuge war Sentürk Özdemir, gewesener Deutscher Meister im Superfedergewicht, und ich hatte schon festgesetzt, daß ich an seinem Lebenslauf einen Roman aufziehen würde. So konnte ich mein Schriftstellertum, sein psychologisches, soziologisches, historisches Instrumentarium zur Anwendung bringen, um zu ergründen, mit welcher Menschensorte ich mich eingelassen hatte auf solchen Lebensbund.

Ich kann heute lächeln über den interessierten Unfug, der vor weniger als einem Jahrzehnt in meinem Kopf war und den ich mit einem Gestus, den ich für fortschrittlich, ja revolutionär hielt, herausposaunt habe. Daß es um die Menschenrechte in unserem Land besser bestellt ist als in der Türkei, das will ich nicht in Abrede stellen. Menschlichkeit hingegen, dafür verbürge ich mich, ist zwischen Thrazien und Armenien reichlicher vorhanden als zwischen Ostsee und Alpen. Und wer empfänglich geworden ist für diese Wellen, der lebt auch in Deutschland mit einem reicheren Herzen. Hier liegt der Punkt, warum die Assimilation, welche die deutsche Gesellschaft bei den aus der Türkei Eingewanderten weder durch das schöne Geld noch durch die guten Worte zu erreichen vermocht hat, für den, der die Sache etwas tiefer durchdringt, gar nicht wünschenswert ist. Den deutschen Türken die polnischen Kumpels, die sich in zwei, drei Generationen, im Handumdrehen gleichsam, in waschechte Ruhrpöttler, in germanisch empfindende Schalke-Fans verwandeln konnten, als Beispiel vorhalten zu wollen, ist ebenso bieder wie blind. Integration, nicht Assimilation, heißt die Chance, und je schneller kapiert wird, was das bedeutet, um so besser für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft. Die Türken können nur deutscher werden in dem Maß, in dem wir türkischer werden. Das klingt skandalös, ich betone es ja, daß ich selbst noch vor sieben Jahren ausgerastet wäre, hätte jemand mich mit solcher Zumutung zu konfrontieren gewagt. Unser Kanzler ist auf einem weltpolitischen Plan vorgestoßen zu dieser Erkenntnis. Hätte er diesen Kurs schon mit seinem Amtsantritt eingeschlagen, unmöglich hätten die Vereinigten Staaten auf eigene Hand ein Nachbarland der EU überfallen.

Thorsten Becker, 45, veröffentlichte zuletzt den Roman "Die Besänftigung" (Rowohlt Verlag). Sein großangelegtes Gastarbeiterepos "Sieger nach Punkten" ist für den Januar 2004 angekündigt.