BoS - Bildungsoffensive für türkischsprachige Menschen in der Region Stuttgart

 
 
Die Idee
Die Ausgangssituation
Das Konzept
Die Richtlinien
Die Träger
Das Kuratorium
Die Arbeitsgruppen
Die Projekte
Die Veranstaltungen

 


Die Idee

Bessere Bildungschancen sind die Voraussetzung für eine bessere Integration. Hohe Arbeitslosenzahlen und sinkende Ausbildungsbeteiligung der türkischsprachigen Menschen in der Region Stuttgart zeigen, dass neue Wege eingeschlagen werden müssen. Deshalb haben im Dezember 2000 das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart (DTF) und die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg (tgbw) und die ATA Bildungsakademie aktif gemeinsam die Bildungsoffensive für türkischsprachige Menschen in der Region Stuttgart (BoS) gestartet.

BoS sucht das Gespräch mit allen Institutionen und Vereinen, die in der Bildungsarbeit engagiert sind, und lädt zur Mitarbeit ein. Geplant ist, dass türkische und deutsche Institutionen die Arbeit der Bildungsoffensive pädagogisch und strukturell unterstützen. Das Ziel, gemeinsam die hier lebenden Menschen türkischer Herkunft zu motivieren und qualifizieren, wird nur erreicht werden, wenn türkische Vereine und Institutionen sowie alle öffentliche Einrichtungen in unserer Region enger zusammen arbeiten und gezielte Förderprogramme starten. Anders als bisher muss es gelingen, dass türkische Gruppen und deutsche Institutionen gemeinsam entscheiden, damit die Bildungspolitik für die türkischsprachigen Menschen in Stuttgart und Umgebung auch zur Integrationspolitik wird.

Die Bildungsoffensive wird heute von 20 türkischen Vereinen und Elternbeiräten sowie dem Türkischen Generalkonsulat Stuttgart getragen. Innerhalb von BoS wurden drei Arbeitsgruppen (Kindergarten, Schule und Ausbildung) gebildet, in denen sowohl ein Informationsaustausch zwischen den Teilnehmern stattfindet, als auch gemeinsame Projekte ausgearbeitet werden. BoS hat ein Kuratorium gebildet, in dem angesehene und erfahrene Personen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Kultur, Medien und von anderen Bildungseinrichtungen vertreten sind. Siehe auch hier.

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Die Ausgangssituation

a)  Hohe Arbeitslosigkeit
Die türkischsprachigen Menschen sind in Deutschland mit Abstand die größte Gruppe unter den hier lebenden Ausländern und sind auch prozentual am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen. Verschärfend hinzu kommt, dass zwei Drittel der türkischen Arbeitnehmer keine qualifizierte Ausbildung hat und der Anteil der Arbeitsstellen für ungelernte Arbeitnehmer sinkt. Er liegt derzeit in Deutschland knapp unter 50 Prozent und wird sich bis 2010 weiter um die Hälfte verringern.

Es fehlen gezielte Integrationsmaßnahmen, die unqualifizierte Arbeitnehmer und Arbeitslose fit machen, damit sie sich mit Erfolg weiterbilden oder an einer Umschulung teilnehmen können.


b)  Sinkende Ausbildungsbeteiligung
Besonders dramatisch ist die Situation bei den Jugendlichen, die meistens hier geboren sind, die Schule absolviert haben und eigentlich gut integriert sein müssten. Während bei den deutschen Jugendlichen die Ausbildungsbeteiligung steigt, ist sie bei den jungen Ausländern gesunken. Während in Baden-Württemberg der Anteil junger Ausländer, die sich in der dualen Berufsausbildung befinden, bis Mitte der 90er auf fast 15 Prozent angestiegen war, ist er seitdem auf 11,9 Prozent gesunken. Zwischen 1995 und 1998 ist in Baden-Württemberg die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um circa 7 Prozent gestiegen. 1m gleichen Zeitraum sank jedoch die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge für ausländische Auszubildende um 12 Prozent, die Zahl der Verträge für türkische Jugendliche sank sogar um etwa 14 Prozent. Neben der demographischen Entwicklung führt das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg die geringere Ausbildungsquote vor allem auf Sprachdefizite, abweichende Wertvorstellungen, starken Einfluss der Eltern und mangelnde Kenntnisse über das duale Ausbildungssystem zurück.
Die Statistiken zeigen, dass die Türken, größte Gruppe der hier lebenden ausländischen Jugendlichen, besonders schlecht in die Arbeitswelt integriert sind. Neben den absoluten Zahlen ist vor allem bedenklich, dass die Zahl der Jugendlichen ohne Ausbildung steigt, und besonders junge türkische Frauen keine Ausbildung beginnen. Türkische Schulabgänger, die keine Ausbildung beginnen und oft als Hilfsarbeiter Geld verdienen, werden die Arbeitslosen von morgen sein.

Es fehlen spezielle Strukturen, die türkische Jugendliche und ihre Eltern erreichen und sie für eine Ausbildung motivieren und trainieren.


c)  Schlechte Schulbildung
Die schwierige soziale Situation vieler türkischer Familien erschwert die Integration zusätzlich. Der türkische Elternverein in Berlin-Brandenburg hat in einem Gutachten festgestellt, dass Kinder, die in sozialen Brennpunkten aufwachsen, nicht ausreichend auf weiterführende Schulen vorbereitet werden. Türkische Kinder und Jugendliche sind davon besonders betroffen. Unter den 400.000 türkischen Schülern (insgesamt 1,2 Millionen Schüler nichtdeutscher Herkunft) in Deutschland ist die Quote derer, die Realschulen und Gymnasien besuchen, im Vergleich mit Schülern anderer Nationalitäten am niedrigsten.

Es fehlen intensive Fördermöglichkeiten in den Schulen und außerschulische 1nitiativen, durch die in den sozialen Brennpunkten für Eltern und Kinder bessere Startchancen geschaffen werden.


d)  Mangelnde Integration im Vorschulbereich
Vor allem für die Sprachförderung ist die Integration im Kindergarten entscheidend. Bestandsaufnahmen in Kindergärten mit einem hohen Ausländeranteil zeigen, dass bis zu 80 Prozent der türkischstämmigen Kinder, die in Vorschule kommen, kein oder nur wenig Deutsch sprechen.

Es fehlen bilinguale und interkulturell geschulte Erzieherinnen, um die Kinder gezielt zu fördern und durch aktive Elternarbeit die türkischen Eltern motivieren, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken.


e)  Politische Partizipation
Die geringe Wahlbeteiligung bei den Wahlen zu Ausländerbeiräten in Stuttgart und Umgebung zeigen, dass die Einführung solcher Ausschüsse alleine nicht ausreicht, um die Partizipation der Ausländer bei kommunalen Entscheidungen zu erhöhen. Viele Ausländer verstehen die kommunalpolitischen Entscheidungsstrukturen kaum und erkennen nicht die Chancen, die durch eine Beteiligung für sie entstehen.

Es fehlt eine gezielte politische Bildungsarbeit für türkische Mitbürger, die sie in ihrer Umgebung, den ausländischen Vereinen, Clubs und Gemeinden erreicht.
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Das Konzept

Die Bildungsoffensive ist eine Reaktion darauf, dass die vorhandenen Bildungsangebote die Integration der türkischen Bevölkerung nicht entscheidend verbessern konnten. Deshalb soll durch Zielgruppen und ressourcenspezifische Bildungsarbeit eine entscheidende Voraussetzung für eine bessere Integration der Menschen türkischer Herkunft in der deutschen Gesellschaft und Arbeitswelt geschaffen werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Vermittlung von Sprachkenntnissen, der Erwerb sozialer Kompetenz und grundlegender Fähigkeiten, die zur Eingliederung in eine angemessene Ausbildung und Berufstätigkeit erforderlich sind. Nicht alle Türken in der Region Stuttgart benötigen spezielle Förderprogramme. BoS richtet sich vor allem an die Menschen, die nicht von den bestehenden Bildungsangeboten erreicht werden. Sie müssen bilingual und in ihrem eigenen Umfeld erreicht, gezielt motiviert und qualifiziert werden. Sie benötigen Grundqualifikationen, damit sie überhaupt eine Chance zu erhalten, um sich in Schule, Ausbildung, Beruf und damit auch der deutschen Gesellschaft erfolgreich zu integrieren.

BoS orientiert sich mit seinem Konzept auch an erfolgreichen zielgruppenspezifischen Projekten in anderen Bundesländern und folgt damit den Empfehlungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, das zum Beispiel aufgrund der sinkenden Ausbildungsbeteiligung rät, ausländische Jugendliche und ihre Eltern gezielt anzusprechen.

BoS geht von dem Grundsatz aus, dass andere Herkunft auch ein Vorteil sein kann. Bei entsprechender Qualifizierung verfügen türkischsprachige Menschen über eine doppelte, interkulturelle Kompetenz, die ihnen gerade angesichts der Globalisierung in der Wirtschaftsregion Stuttgart neue Chancen eröffnen kann.

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Die Richtlinien

  • 115.000 Menschen mit türkischem Pass leben in der Region Stuttgart. Sie sind die größte ethnische Gruppe und leisten einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftskraft der Region und tragen zur kulturellen Vielfalt bei.
  • Menschen türkischer Herkunft sind in besonders hohem Maße von Arbeitslosigkeit und sozialer Abgrenzung betroffen. Ihre Integration in die Arbeitswelt ist die beste Voraussetzung für eine Integration in die deutsche Gesellschaft.
  • Türkische Erwerbstätige sind vom Strukturwandel stärker betroffen als die deutschen, da die Beschäftigung im produzierenden Bereich stark abgebaut wurde und das Qualifikationsniveau der türkischen Beschäftigten besonders niedrig ist.
  • Die bessere Qualifizierung der türkischen Mitbürger ist der Schlüssel für eine bessere Integration. Die wachsende Zahl (jugendlicher) Ausländer, die in den nächsten Jahren neu auf den Arbeitsmarkt kommen, erfordert erhebliche bildungspolitische Anstrengungen.
  • Türkische Jugendliche müssen besonders motiviert werden, ihre Zukunft in Deutschland selbständig zu gestalten, ihre Zukunftschancen und Integration durch eine gute Schulbildung und Ausbildung zu verbessern.
  • Türkische Eltern brauchen Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem, um ihre Kinder bei der Integration unterstützen zu können.
  • Viele türkische Mitbürger werden von deutschen Institutionen aufgrund sprachlicher Defizite und kultureller Barrieren nicht erreicht. Sie müssen zielgruppenspezifisch, bilingual und ihrem eigenen kulturellen Umfeld angesprochen werden.
  • Um Bildungsangebote möglichst effektiv für die verschiedenen Gruppen anbieten zu können, bedarf es einer engeren Zusammenarbeit der türkischen Vereine untereinander und der türkischen Gruppen mit den deutschen Institutionen.
  • Menschen türkischer Herkunft verfügen über doppelte Kompetenz. Dieses interkulturelle Potenzial, ihre Zweisprachigkeit und die Kenntnisse der unterschiedlichen Kulturen können bei entsprechender Förderung einen wichtigen Standortvorteil darstellen. 
  • Die Attraktivität des Standorts Deutschland und hier des Ballungszentrums Region Stuttgart für die auch in Zukunft benötigten Fachkräfte aus dem Ausland wird entscheidend durch die Integrationsfähigkeit des Standorts bestimmt. Die Lage der hier lebenden Ausländer darf deshalb angesichts der aktuellen Debatte um die deutsche Green Card nicht vergessen werden.
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